Schädlingsdruck und Klimastress: Der schwierige Alltag der Stadtbäume
So hält Weimar den Bestand mit regelmäßigen Kontrollen, abgewogenen Eingriffen und einer zukunftsorientierten Artenwahl funktionsfähig.


Rathauskurier 12/2025
Stadtbäume sind keine Kulisse, sondern Infrastruktur: Sie kühlen, schützen, verbinden. Eckart Göbel, Sachbearbeiter Stadtbäume, erzählt im Interview wie Stadtbaumpflege den wachsenden Klima- und Schädlingsrisiken trotzt.
Welche Bedeutung hat der kommunale Baumbestand für die Stadt Weimar – ökologisch, stadtgestalterisch und sozial?
Bäume machen die Stadt überhaupt erst erträglich: Sie spenden Schatten an Hitzetagen, verbessern die Luft, filtern Feinstaub und binden Schadstoffe. Zugleich sind sie Lebensraum – nicht nur für uns Menschen, sondern auch für Singvögel, Eichhörnchen und Fledermäuse. Die Sauerstoffproduktion der Stadtbäume ist vorhanden, die großen Mengen stammen jedoch eher aus den Wäldern. Stadtgestalterisch gliedern Bäume Räume, stiften Identität und Wiedererkennbarkeit. Parks und Grünanlagen sind darüber hinaus „demokratische“ Orte der Begegnung – Sozialräume ohne Konkurrenz zu Verkehr, Handel oder Bebauung.
Wie viele Bäume werden derzeit im öffentlichen Raum von Weimar betreut, und wie häufig erfolgen deren Kontrollen und Pflegemaßnahmen?
Im städtischen Baumkataster sind rund 30.000 Bäume erfasst – Straßen-, Park- und Platzbäume in Verantwortung der Stadt. Einrichtungen des Landes oder der Klassik Stiftung zählen nicht dazu; insgesamt stehen in öffentlicher Hand vermutlich 40.000 bis 50.000 Bäume. Kontrollen erfolgen in der Regel jährlich, in Bereichen mit viel Verkehr oder mit vielen Menschen (Schulhöfe, Kitas) häufiger. Der Zustand bestimmt den Takt: vorgeschädigte Altbäume werden dichter geprüft, junge vitale Bäume seltener. Pflegemaßnahmen folgen Bedarf und Befund – „Friseurtermine“ für Bäume gibt es nicht; jeder Schnitt ist ein Eingriff und wird deshalb begründet und maßvoll gesetzt.
Für Kontrollen sind drei Fachkräfte täglich im Stadtgebiet unterwegs; eine weitere Kollegin setzt die Baumschutzsatzung um, bearbeitet Fällanträge und ahndet Verstöße. Die Koordination zu externen Baumpflege- unternehmen liegt ebenfalls in der Verwaltung. Beim Kommunalservice arbeiten zwei Baumpflege-Kolonnen (je 3–4 Kräfte) sowie zwei Kollegen für Pflege und Bewässerung; im Winterhalbjahr stehen zudem Pflanzungen von Jungbäumen an.
Nach welchen Kriterien entscheidet die Stadt über Baumpflege, -fällung oder -neupflanzung? Gibt es hierfür spezielle Leitlinien?
Leitlinie ist die Verkehrssicherungspflicht: Erkennbare und vermeidbare Gefahren sind mit zumutbarem Aufwand abzuwehren. Bei den Kontrollen wird auf Defekte wie Totholz, Wurzelverluste oder Pilzbefall geprüft; je nach Schweregrad werden Maßnahmen priorisiert.
Reichen Pflegeeingriffe nicht aus – etwa bei mangelnder Vitalität oder fehlender Standsicherheit –, wird gefällt und nach Möglichkeit am Standort ersetzt. Oft weicht die Neupflanzung bewusst von der ursprünglichen Art ab, um den Standort im Sinne der Klimavorsorge robuster zu entwickeln. Angesichts von 30.000 Stadtbäumen ist das eine fortlaufende Sisyphus-Aufgabe, in die viel Kraft fließt.
Welche Herausforderungen stellen sich bei der Unterhaltung des Baumbestandes, z. B. durch Klimawandel, Schädlinge oder Trockenperioden?
Die Stadt war immer ein Stressraum für Bäume: versiegelte Böden und höhere Aufheizung als im Umland. Hinzu treten längere Trockenphasen, Hitzeperioden und punktuell Starkregen oder Gewitter. Manche Arten kommen damit schlecht zurecht – Fichten sind im öffentlichen Grün kaum noch zu finden. Parallel steigt der Druck durch Krankheiten und invasive Schädlinge infolge globaler Warenströme: Die Rosskastanien-Miniermotte verfärbt Blätter bereits im Spätsommer, Platanen leiden unter einer Welke, die auch die Bruchsicherheit betrifft; hier sind Sonderkontrollen nötig. Für Quarantäne-Schädlinge wie den Asiatischen Laubholzbockkäfer halten wir Notfallstrategien bereit – im Befallsfall wären großräumige Rodungen unvermeidlich.
Wie geht die Stadt mit Bürgerhinweisen zu möglicherweise kranken oder gefährlichen Bäumen um?
Meldungen kommen meist telefonisch oder per Email. Zunächst müssen wir den beschriebenen Baum lokalisieren und Schadbilder eingrenzen. Nicht selten sind uns die genannten Schäden bekannt und es sind bereits Maßnahmen vorgesehen. Bestehen Zweifel, wird vor Ort geprüft. Jedem substanziellen Hinweis wird nachgegangen- Sicherheit hat Vorrang.
Warum werden Baumschnittarbeiten und Fällungen nicht auf den Zeitraum Anfang Oktober bis Ende Februar beschränkt?
Das Bundesnaturschutzrecht untersagt starke Eingriffe zwischen 1. März und 30. September, lässt aber schonende Pflege- und Formschnitte zu – stets mit Blick auf mögliche Nester. Bei akuter Gefahr muss unabhängig von der Jahreszeit gehandelt werden. Physiologisch kann ein Schnitt in der Vegetationszeit sogar günstiger sein, weil Wunden besser abschließen. Winterschnitte stören keine Brutvögel, doch mögliche Fledermausquartiere sind zu beachten. Wichtig: nicht bei starkem Frost schneiden – unter minus 5 °C leidet die Wundheilung; wenn Winter, dann am besten gegen Ende der Frostperiode.
Was plant die Stadt Weimar langfristig, um den Baumbestand zukunftsfähig zu gestalten – etwa im Hinblick auf klimaresiliente Baumarten oder neue Pflanzkonzepte?
Eine Bauleitplanung ordnet Standorten – nach heutigem und künftigem Mikroklima sowie nach Funktion – geeignete Arten zu. Neben robusten heimischen Arten (u. a. Feldahorn) werden „Zukunftsbaumarten“ aus kontinental geprägten Regionen geprüft, die stärkere Klimaschwankungen tolerieren. Die Planung dient als Leitplanke, die gärtnerische Erfahrung der Verantwortlichen fließt wesentlich ein. Bei Neupflanzungen wird deshalb häufig von der alten Art abgewichen, wenn das die Klimaresilienz am Standort steigert.





