Die Weimarer Mal- und Zeichenschule wird ein Vierteljahrtausend
Rathauskurier 01/2026 | Seit 1776 arbeitet die Bildungsinstitution daran, den allgemeinen Geschmack zu heben


Eine nahezu demokratische Idee aus Weimar wird – gegründet im selben Jahr wie die Vereinigten Staaten von Amerika – ein Vierteljahrtausend alt: die Weimarer Mal- und Zeichenschule. „Jung und alt, hoch und niedrig, Hof und Bürgerschaft, Räte, Dichter und Adel, Pagen und ihre Erzieher saßen hier nebeneinander, Eltern lernten zugleich mit ihren Kindern“, beschrieb der Historiker Felix Pischel die Atmosphäre in der ehemals „Fürstlichen freyen Zeichenschule“, in der sich gesellschaftliche Grenzen aufzulösen begannen. Bis heute, nicht mehr wegzudenken aus der Weimarer und Thüringer Kulturlandschaft, ist sie dies geblieben: ein Ort für alle.
Gewiss war die Zeichenschule anfangs keine demokratische Institution im engeren Sinn. Doch verkörperte sie im Geist der Aufklärung eine für ihre Zeit außergewöhnlich inklusive Bildungsinitiative: Breiten Schichten eröffnete sie Zugang zu künstlerischer und handwerklicher Ausbildung und markierte damit einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Bürgergesellschaft.
Bereits 1774 überzeugte der junge Aufklärer und Unternehmer Friedrich Justin Bertuch die 36-jährige Herzogin Anna Amalia mit einem ebenso visionären wie praktisch ausgefeilten Konzept, das Kunst-, Bildungs- und Wirtschaftsförderung verband: Eine Zeichenschule sollte Kunst und (kriselndes) Handwerk im Herzogtum beleben. Kostenfrei und offen für alle Stände, Geschlechter und Altersgruppen ab zwölf Jahren, sollte sie Bildung und Geschmack der Bevölkerung heben. So bildete die Zeichenschule Produzenten, Rezipienten und Konsumenten zugleich aus – mit Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft.
„Und welcher Staat ist glücklicher als der in welchem Künste und Wissenschaften blühen und welcher eine Anzahl guter Köpfe unter seinen Bürgern besitzt.“ – Bertuch verstand die Zeichenschule als Verbindung zwischen künstlerischer Ausbildung und industrieller Entwicklung. Sein Landes-Industrie-Comptoir verband Bildungs‑, Verlags‑ und Manufakturaktivitäten zu einem Netzwerk, das hunderte Arbeits‑ und Ausbildungsplätze schuf. So stammen etwa die Kolorierungen tausender Kupferstiche bedeutender Publikationen wie dem „Journal des Luxus und der Moden“ oder dem „Bilderbuch für Kinder“ von Händen der Schüler und vor allem Schülerinnen der Zeichenschule. Diese wurde für Weimar zu einem über die Landesgrenzen wahrgenommenen „Prestigeobjekt“ (Kerrin Klinger) und verschaffte Bertuch den Eintritt in die Berliner Akademie der Künste.
Die Gründung der Zeichenschule fiel in die Aufbruchszeit Weimars nach dem verheerenden Schlossbrand und den Beginn der Regierungszeit Carl Augusts von Sachsen-Weimar und Eisenach. Als eine seiner ersten Amtshandlungen gründete der junge Herzog 1776 die Institution, die heute als Weimarer Mal- und Zeichenschule bekannt ist und ihren Sitz in der Seifengasse 16 hat – zwischen Herzogin Anna Amalia Bibliothek und Goethe-Wohnhaus. Vom Vorschulkind bis zur Hochbetagten, von Anfängern bis zu Profis kommen Menschen hier zusammen, um Kunst praktisch zu erleben. Manche zur Freizeit, andere berufsbegleitend, manche entdecken ihr Talent, andere freuen sich, nicht allein zu sein. Seit 1991 als gemeinnütziger Verein organisiert, entwickelt die Schule in Kooperation mit Kindergärten, Schulen, Museen und Gedenkstätten zahlreiche Bildungsprojekte in Weimar, Thüringen und darüber hinaus.
Wie die Einrichtung stets mehr war als nur ein Ort der Kunst, sondern immer schon Treffpunkt der Stadtgesellschaft, soll auch das Jubiläum ein Fest für ganz Weimar und seine Gäste sein, um dieses besondere kulturelle Erbe gemeinsam zu feiern. Verschiedene Programmhöhepunkte laden 2026 ein, sich in Zeiten von Systemrelevanz-Debatten ein eigenes Bild davon zu machen, ob das alles auch nach einem Vierteljahrtausend noch von gesellschaftlicher Bedeutung ist
250 Jahre Weimarer Mal- und Zeichenschule | Höhepunkte 2026:
SCHAUFENSTER-GALERIE IM BILDERHAUS
ganzjährig ab 3. Januar
Bilderhaus, Am Poseckschen Garten 1
Alle zwei Monate verwandelt sich das große Schaufenster des Bilderhauses Am Poseckschen Garten 1 in einen kleinen Ausstellungsraum für zeitgenössische Künstler*innen. Gezeigt werden Malerei, Zeichnung, Fotografie, Kunsthandwerk, Skulptur und Mixed Media. Die wechselnden Ausstellungen schaffen Bewegung, wecken Neugier und verwandeln den Ort, der von der Weimarer Mal- und Zeichenschule als Atelierhaus für Kurse und Projekte genutzt wird, in ein lebendiges Kultureck im Herzen Weimars.
WERKSCHAU
25. Januar · 10–16 Uhr
Seifengasse 16 + Am Poseckschen Garten 1 (Bilderhaus)
Die Weimarer Mal- und Zeichenschule lädt herzlich zur Werkschau ein, eine 250-jährige Tradition. In allen Ateliers präsentieren die Kursteilnehmenden an diesem Tag in Anwesenheit ihrer Dozent* innen die Arbeiten aus den Kursen des laufenden Semesters.
KUNSTMARKT
29. März · 10–18 Uhr
Seifengasse 16
Ein Ereignis der besonderen ART: kurz vor Ostern präsentieren sich die lehrenden Künstler*innen der Weimarer Mal- und Zeichenschule sowie eingeladene auswertige Künstlerfreund*innen mit ihren Werken. Insgesamt stellen über 25 Kunstschaffende ihre Werke zum Verkauf – ob Gemälde, Grafiken, Schmuck, Figürliches oder österliche Unikate.
BERTUCHS BLUMEN FÜR DIE KUNST
16. und 17. Mai
Seifengasse 16 + Am Poseckschen Garten 1 (Bilderhaus)
Bildende und florale Kunst verbinden sich, indem kunstvolle Pflanzenarrangements erschaffen werden, die von Gemälden, Skulpturen oder anderen Werken inspiriert sind. Lange zwischen Naturstudium, Dekoration und kunsthandwerklicher Praxis verortet, wird das Florale hier neu befragt. Inspiriert von der Tradition Friedrich Justin Bertuchs, der Blumenbilder als Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft prägte, lösen sich die gezeigten Arbeiten bewusst von der bloßen Abbildung. Zwischen Tradition und zeitgenössischer Praxis entsteht ein vielschichtiger Blick auf das Verhältnis von Natur, Kunst und Gestaltung.
SPUREN. ORTE. ZEITEN.
ab Juni
Alle ehemaligen Schulstandorte werden durch temporäre Markierungen in das Stadtbild eingebunden. Ergänzend verlinken QR-Codes auf digitale Inhalte wie Zeitzeugnisse, Archivmaterial oder Karten. Diese Spurensuche im Stadtraum verbindet Geschichte mit Gegenwart, Erinnerung mit Innovation und offenbart die Präsenz der Institution im Herzen Weimars.
ODER KANN DAS WEG?
250 Jahre Weimarer Mal- und Zeichenschule
4. September 2026 bis 14. Februar 2027 (Eröffnung: 3. September)
Vernissage am 3. September
Stadtmuseum, Karl-Liebknecht-Straße 5
Eine demokratische Idee aus Weimar wird ein Vierteljahrtausend alt: die Fürstliche Freye Zeichenschule. Ziel war es, durch Synergien zwischen Bildung und Wirtschaft, Kunst und Handwerk den allgemeinen Geschmack zu heben. Doch was machen wir heute mit diesem kulturellen Erbe – in Zeiten von „Systemrelevanz“? Eine ungewöhnliche Ausstellung im Haus ihres Begründers Bertuch lädt dazu ein, sich ein eigenes Bild zu machen.