Der 3. Oktober 1990 – ein historischer Tag
Eine neue Broschüre der Kulturdirektion Weimar beleuchtet die an diesem Tag im Deutschen Nationaltheater gehaltenen Reden.
„Jahrzehntelang an Bevormundung gewöhnt und so bestenfalls im taktischen Kalkül kleiner Schritte geschult, fällt uns der Umgang mit der plötzlich umfassenden Freiheit schwerer als im Überschwang der Befreiung von jenen Fesseln geglaubt.“
Wolfram Huschke, Präsident der Weimarer Stadtverordnetenversammlung 1990
Zweifellos gehört der 3. Oktober 1990 – der sich in diesem Jahr zum 35. Mal jährt – zu den zentralen Daten der deutschen Geschichte. Mit Anbruch dieses Tages hörte die DDR auf zu existieren, aus zwei deutschen Staaten war über Nacht ein einheitliches Gebilde geworden. Auf dieses historische Datum blickt die Kulturdirektion der Stadt Weimar in einer Broschüre zurück, die die Reden enthält, die an diesem Tag bei einer Festveranstaltung im Deutschen Nationaltheater gehalten wurden.
Bei seinen Recherchen zur Geschichte des politischen Umbruchs der Jahre 1989/90 ist der Historiker und Bibliothekar Frank Simon-Ritz, der seit 1999 Direktor der Weimarer Universitätsbibliothek ist und der die Broschüre im Auftrag der Stadt Weimar herausgegeben hat, im Verwaltungsarchiv der Stadt Weimar auf die Typoskripte dieser Reden gestoßen und war sofort von ihrer Authentizität beeindruckt. „Im Grunde“, so Simon-Ritz, „fand an diesem Tag in Weimar ein doppelter Festakt statt.“
Nach der Begrüßung durch Wolfram Huschke, den Präsidenten der Stadtverordnetenversammlung – also des damaligen Stadtrats – gab es ein kurzes Grußwort von Oberbürgermeister Dr. Klaus Büttner, der zu diesem Zeitpunkt erst seit zwei Monaten im Amt war. Die eigentliche Festrede zum Tag der deutschen Einheit hielt der Bürgermeister und Kulturdezernent Hans-Werner Martin, der den politischen Umbruch in Weimar miterlebt und teilweise mitgestaltet hatte.
Im zweiten Teil des Festakts erfolgte die Verleihung des Literatur- und Kunstpreises der Stadt Weimar an die zu diesem Zeitpunkt 86-jährige Philologin und Schriftstellerin Jutta Hecker, deren Leben ganz im Banne Goethes und Weimars gestanden hatte. Die Laudatio auf die Grande Dame der Weimarer Literatur hielt Wolfram Huschke, der einige Jahre als ihr Nachbar in der Altenburg, der Heckers erstes literarisches Werk gewidmet war, gewohnt hatte. Beschlossen wurde die Festveranstaltung durch eine kurze Dankesrede der Preisträgerin.
Die Grundstimmung der Veranstaltung, die sowohl auf den Umbruch zurück- als auch auf eine ungewisse Zukunft vorausschaute, gibt vielleicht am besten eine Aussage von Huschke aus seiner Begrüßungsansprache wieder: „Jahrzehntelang an Bevormundung gewöhnt“, so führte Huschke aus, „und so bestenfalls im taktischen Kalkül kleiner Schritte geschult, fällt uns der Umgang mit der plötzlichen Freiheit schwerer als im Überschwang der Befreiung von jenen Fesseln geglaubt.“
Die Broschüre umfasst 36 Seiten und enthält neben den Redebeiträgen und einer umfangreichen Einleitung des Herausgebers auch einige historische Fotografien von diesem 3. Oktober 1990. Sie ist ab Ende September in der Kulturdirektion (Karl-Liebknecht-Str. 5) sowie in der Stadtbücherei (Steubenstr. 1) unentgeltlich erhältlich.