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weimar.deStadtAktuell„Arisierung“ – Ein Stück deutscher Geschichte, oder wirksam bis heute?

„Arisierung“ – Ein Stück deutscher Geschichte, oder wirksam bis heute?

Der Vortrag „Die Erben der Arisierung“ von Armin H. Flesch sowie die Eröffnung der Ausstellung „Arisierung in Thüringen“ finden am Montag, 5. November 2018, ab 17 Uhr im Foyer des Hauptstaatsarchivs Weimar, Marstallstraße 2, statt. Die Ausstellung wird bis zum 30. November 2018 zu sehen sein. Anschließend wird ab 19 Uhr im Saal des Jugend- und Kulturzentrums mon ami der Film „Menschliches Versagen“ von Michael Verhoeven gezeigt. Der Film belegt, in welchem Ausmaß auch die zivile Bevölkerung in Nazi-Deutschland zum Akteur und Profiteur der systematischen Beraubung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden geworden ist.

Anordnung des Oberfinanzpräsidenten Thüringen vom 14. August 1942, das Vermögen der Kammersängerin Jenny Fleischer-Alt nach deren Selbstmord angesichts der bevorstehenden Deportation in ein Konzentrationslager zugunsten des Reichs einzuziehen. Landesarchiv Thüringen- Hautstaatsarchiv Weimar, Oberfinanzpräsident Thüringen Nr. 699, Bl. 143

Nicht nur im „Gau Thüringen“ selbst, auch über dessen Grenzen hinaus waren Thüringer Nationalsozialisten an der „Arisierung“ – der planmäßigen Enteignung deutscher und europäischer Juden – maßgeblich beteiligt. Den ebenso spektakulären wie exemplarischen Fall, bei dem Vertraute des Thüringer Gauleiters Fritz Sauckel die Fäden zogen, beleuchtet der Journalist Armin H. Flesch in seinem Vortrag „Die Erben der Arisierung“: Die „Arisierung“ der Flesch-Werke AG in Frankfurt am Main.

Hauptakteure waren Otto Eberhardt, NSDAP-Gauwirtschaftsberater in Thüringen, und Carl Goetz, Chef der Dresdner Bank. Eberhardt, Goetz und Sauckel hatten die Zeit des Ersten Weltkriegs in einem französischen Internierungslager verbracht und sich angefreundet. Nach 1933 saßen sie an den Schaltstellen von Wirtschaft und Politik – den Schaltstellen der „Arisierung“. Notwendige Informationen lieferte ihnen unter anderen Dr. Rudolf Schwarz, Mitinhaber des Chemnitzer Chemie-Unternehmens Zschimmer & Schwarz und Leiter eines Z&S-Zweigwerks in Greiz-Dölau. Dort war Schwarz zugleich NSDAP-Kreiswirtschaftsberater für den Landkreis Greiz.

Herbert Flesch – jüdischer Hauptaktionär und Vorstand der Frankfurter Flesch-Werke AG – wurde durch die Kündigung von Bankkrediten, gezielte Anschuldigungen und Untersuchungshaft sowie durch die Androhung von KZ-Haft zur Emigration gezwungen und schließlich 1937 ausgebürgert. Nach der erfolgreichen „Arisierung“ seines Unternehmens durch die Dresdner Bank ging das Frankfurter Fabrikgelände an Adler, einen bedeutenden Fahrzeug- und Büromaschinenhersteller. Eine weitere Fabrik der Flesch-Werke AG in Lahnstein am Rhein übernahmen Carl Goetz und Otto Eberhardt. Nach dessen Tod im Jahr 1939 kam sie in den Besitz von Zschimmer & Schwarz.

Der in Frankfurt am Main lebende Journalist Armin H. Flesch begann seine Recherchen zur „Arisierung“ mittelständischer Familienunternehmen und den Umgang der heutigen Inhaber mit diesem Erbe im Jahr 2014 und besuchte dazu bislang 16 deutsche und fünf ausländische Archive, unter anderem die Thüringischen Landesarchive in Weimar und Greiz. Mit den einstigen Inhabern der Flesch-Werke AG ist er nicht direkt verwandt, allerdings reicht die gemeinsame Wurzel beider Familienzweige weit ins 17. Jahrhundert und das Haus „Flasche“ der Frankfurter Judengasse zurück.

Zum Vortrag wird die Ausstellung „Arisierung in Thüringen“ gezeigt. Sie wurde vor einigen Jahren von einer studentischen Projektgruppe am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen sowie der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen erarbeitet. Ergänzt wurde die Ausstellung seinerzeit an vielen Orten in Thüringen durch das Engagement von Schulklassen, die der „Arisierung“ vor Ort nachgingen und Tafeln hinzufügten.

Der Vortrag „Die Erben der Arisierung“ von Armin H. Flesch sowie die Eröffnung der Ausstellung „Arisierung in Thüringen“ finden am Montag, 5. November 2018, ab 17 Uhr im Foyer des Hauptstaatsarchivs Weimar, Marstallstraße 2, statt. Die Ausstellung wird bis zum 30. November 2018 zu sehen sein.

Anschließend wird ab 19 Uhr im Saal des Jugend- und Kulturzentrums mon ami der Film „Menschliches Versagen“ von Michael Verhoeven gezeigt. Der Film belegt, in welchem Ausmaß auch die zivile Bevölkerung in Nazi-Deutschland zum Akteur und Profiteur der systematischen Beraubung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden geworden ist.

Der Regisseur ist anwesend und wird nach der Vorführung mit Armin H. Flesch, dem Arisierungsforscher Prof. Dr. Wolfgang Dreßen, dem Direktor des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung Dr. Andreas Jantowski sowie mit Dr. Bernhard Post, dem Leitenden Archivdirektor des Staatsarchivs Weimar, diskutieren. Den Abend moderiert Dr. Michael Grisko, Referent der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und Vorstandsmitglied von Cinegraph Babelsberg e.V.

Die Veranstaltungen sind eine Kooperation der Stadt Weimar mit dem Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar und dem Verein Weimarer Republik e. V.