15.02.2012 | Mitteilung | Von: Katrin Czerwinka

Jahresbericht 2011 der Selbsthilfekontaktaktstelle


Vor fast genau einem Jahr wurde die Selbsthilfekontaktstelle im Gesundheitsamt der Stadt Weimar der Öffentlichkeit vorgestellt. Nun zieht die Anlaufstelle zum ersten Mal Bilanz.
Die Selbsthilfekontaktstelle kann seit Januar 2011 durch eine Umgewichtung der Tätigkeitsbereiche mit 70% von 20 Wochenstunden geführt werden. Dies ermöglicht neue Vorhaben und Aktivitäten. Im Folgenden werden die Hauptaufgaben der Kontaktstelle dargestellt.


1. Beratung von selbsthilfeinteressierten Menschen
Die Beratungen fanden in überwiegender Zahl auf telefonischem Weg statt (74). Persönliche Beratungen erfolgten 11 Mal. Die Anfragen per Email lagen bei 9 und sind damit eher gering. Das Beratungsangebot wurde zu ca. 75% von Frauen genutzt. Dies entspricht in etwa der durchschnittlichen Gruppenzusammensetzung und dem bundesweiten Trend in der Selbsthilfe.
Anfragen von
Betroffenen: ca. 60%, davon 70 % Frauen
Angehörigen: ca. 35% davon 90% Frauen
Professionellen: ca. 5%
Mit Professionellen sind Menschen gemeint, die von Beruf wegen Menschen helfen, mit ihrer Krankheit oder Problemlage umzugehen. Anfragen kamen von Arztpraxen, dem Klinikum, Psychotherapeuten und von einer Beratungsstelle.
Die Beratungen reichten von der kurzen Weitergabe von Kontaktdaten der Selbsthilfegruppen bis hin zu ausführlichen Schilderungen von Krankheitsverläufen und Lebenssituationen.
Aus den Gesprächen resultierten Versuche, angemessene Möglichkeiten im
Versorgungs- und Hilfesystem der Stadt aufzutun und auf die aktuelle Lebenslage
abzustimmen. Dabei war Selbsthilfe nicht immer das Mittel der Wahl. Häufig fanden die Beratungen im einmaligen Kontakt statt. Schwerpunktthemen der Beratungen waren Depressionen, Ängste, psychische Erkrankungen allgemein, Krebs, Alkoholsucht und Alter.
Die steigenden Anfragen zu psychischen Themen spiegeln die Zunahme an psychischen Belastungssituationen in der Gesellschaft wieder. Damit verbunden ist ein erhöhter Bedarf an Hilfen, die das professionelle Hilfesystem ergänzen. Die Wartezeiten für Psychotherapien sind häufig lang. Selbsthilfegruppen sind somit eine gute Möglichkeit, Erfahrungen Anderer zu erfragen, beispielsweise auch zur Therapeutenwahl. Oftmals reichen den Betroffenen die therapeutischen Angebote nicht aus. Eine Selbsthilfegruppe kann im Idealfall zudem eine größere Alltagsnähe bieten.
Selbsthilfegruppen zu psychischen Themen veröffentlichen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes oftmals keine Kontaktdaten und sind somit weniger leicht auffindbar. Das wäre eine mögliche Erklärung für den Spitzenplatz bei den Anfragen.


2. Die Selbsthilfegruppen
Am Stichtag dem 31.12. 2011 waren in der Stadt Weimar 48 Selbsthilfegruppen
verzeichnet. Die Zahl setzt sich wie folgt zusammen:


Themenbereich Anzahl der SHG
Chronische Erkrankungen: 29
Sucht: 5
Psychische Erkrankungen: 5
Besondere Lebenslagen: 1
Angehörige: 4
Eltern-Kind-Familie: 4


Ende des Jahres 2010 waren in der Kontaktstelle des Gesundheitsamtes lediglich 27 Selbsthilfegruppen gelistet. Vor allem eigene Recherche und Öffentlichkeitsarbeit haben dazu geführt, dass sich bereits bestehende Gruppen in der Kontaktstelle meldeten und registrieren ließen. Auch überregional arbeitende Gruppen nahmen Kontakt auf und bauten ihre Vor-Ort-Aktivitäten aus.
Kooperationen mit der Kontaktstelle gestalten sich sehr verschieden. Viele Gruppen bestehen bereits seit Jahren und agieren völlig selbständig. Andere suchen häufig Beratung oder das Gespräch.
Gründungsgesuche
Die Selbsthilfekontaktstelle sammelt die eingehenden Anfragen zu Themen, zu denen keine Selbsthilfegruppen bestehen. Zum Ende des Jahres lagen acht unterschiedliche Anfragen vor. Zu zwei Themen konnten Betroffene miteinander in Kontakt kommen. Nach Absprache wurden die Telefonnummern weitergeben.
Gründungen bzw. in Gründung


· Als Abspaltung einer bestehenden Gruppe mit psychischen Erkrankungen,
gründete sich eine eigene Gruppe zu diesem Themenkreis. Sie trifft sich wöchentlich in einer Weimarer Ergotherapiepraxis und ist gut in die eigene Arbeit gekommen.


· Aus der Initiative einer einzelnen Frau heraus wurde die SHG „Chronische
Schmerzen“ neu gegründet. Es gab in der Kontaktstelle zwei ausführliche
Vorgespräche. Große und konkrete Unterstützung bot die Deutsche Schmerzliga.
Über die Presse wurde zum ersten Treffen eingeladen. Die treffen finden seitdem im Zwei-Wochen-Rhythmus statt.


· Seit dem Frühjahr gibt es durch die Anfrage einer jungen Mutter Bestrebungen eine Gruppe für Eltern mit depressiven Erkrankungen aufzubauen. Lange
Kuraufenthalte und Krankheitsphasen verlangsamten den Prozess. Nach der
Sommerpause trafen sich vier Frauen zu einem ersten Kennenlernen in der
Kontaktstelle. Eine Frau musste bemerken, dass sie im Thema nicht richtig ist.

Es gab weitere drei Vortreffen, in denen die Frauen ihre Erwartungen, Vorstellungen und Motivationen besprechen konnten. Über die Kontaktstelle wurde ein Flyer gedruckt, der als Aufruf an relevanten Orten ausgelegt wurde. Bei der Raumsuche konnte das SOS Familienzentrum als Partner gefunden werden. Es bietet eine angenehme Raumsituation und die Option guter Kontakte. Über einen Presseaufruf zum ersten Treffen wurde eine weitere Frau erreicht. Die erste gemeinsame Gruppensitzung im Familienzentrum wurde von der Kontaktstellenmitarbeiterin begleitet. Bisher kam kein weiteres Treffen zustande. Es besteht noch keine Verbindlichkeit.


· Zum Thema „Burn Out“ gibt es Bestrebungen einen Gesprächskreis zu gründen.


Nicht zustande gekommene Gruppen:


· Die Gruppe „Lichtblicke - Psychisch erkrankte Menschen in Zusammenhang mit
Suchtproblemen“ kam trotz intensiver Bemühungen nicht über die erste Phase
hinaus. Es gab vier vorbereitende Treffen in kleiner Runde, einen gemeinsam
entwickelten Flyer, einen Aufruf im örtlichen Rathauskurier und eine erfolgreiche
Raumsuche. In der Gruppe kam es vor dem ersten offiziellen Treffen zu
Unstimmigkeiten und persönlichen Auseinandersetzungen, die das Vorhaben zum Erliegen brachten.


· Zum Thema „Soziale Ängste“ trafen sich bereits vier Menschen in der
Selbsthilfekontaktstelle. Bei dieser Begegnung kamen die Anwesenden nicht über ihre eigene Geschichte hinaus. Es konnten keine Vorstellungen für eine gemeinsame Selbsthilfegruppe formuliert werden. Alle waren mit der gewissen Erwartung gekommen, es würde jemanden gebe, der die Fäden in die Hand nimmt.
Diese Erfahrungen zeigen, dass Selbsthilfegruppen nicht einfach aus dem Boden wachsen. Eine Gruppengründung kann nur gelingen, wenn es eine engagierte Person gibt, die die Initiative ergreift. In der Anfangszeit ist eine stabile Gruppe das Ziel.


3. Unterstützung bestehender Gruppen
Strukturelle Unterstützung
Die Kontaktstelle ist in einem Büro im Gesundheitsamt der Stadt untergebracht. Es besteht die Möglichkeit, einen Gruppenraum im Haus vorzubestellen. Dieser wird beispielsweise für die Gruppenleitertreffen genutzt. Das strukturelle Angebot umfasst vor allem bürotechnische Unterstützung, wie Kopien, Postversand, Flyererstellung, Veröffentlichungen von Terminen in der Tageszeitung oder im Amtsblatt der Stadt.
Gruppenkontakte
Zu allen SHG wurde im Jahr 2011 über sechs Informationsbriefe Kontakt gehalten, in denen über die Aktivitäten der Kontaktstelle, Veranstaltungen und Fortbildungen im Zusammenhang mit Selbsthilfe informiert wurde. Darüber hinaus wurden 2011 SelbsthilfegruppenleiterInnen oder Gruppenmitglieder aus
verschiedenen SHG in 105 Kontakten beraten, am Telefon, persönlich in der Sprechzeit oder zu einem vereinbarten Termin.
Konflikthafte Situationen
An die Kontaktstelle werden unterschiedliche Sorgen, Probleme und Konfliktsituationen herangetragen. Die Kontaktstelle unterstützt dabei beratend. Sie agiert vermittelnd und versucht, die Qualität der Gruppenarbeit positiv zu beeinflussen. Eine gut funktionierende SHG mit kompetenter Gruppenleitung zieht mehr Menschen an als durch Öffentlichkeitsarbeit erreicht werden können.


Zu folgenden Themen benötigten Selbsthilfegruppen die Kontaktstelle nicht nur im einmaligen Kontakt als Vermittler und Unterstützer:


· Eröffnung eines kostenfreien Gruppenkontos (Verhandlungen mit Banken)
· SHG ohne amtierenden Gruppenleiter, Sperrung des Gruppenkontos durch den LV
· Unklare Nachfolge in der Gruppenleitung, Einarbeitungsphase
· Abrechnungsschwierigkeiten nach Gruppenleiterwechsel
· Beratung bei Fragen der finanziellen Förderung
· Leiterwechsel - Wie bekomme ich alle zusammen?
· Überforderung des Gruppenleiters (Wie kann ich motivieren, abgeben, Aufgaben verteilen?)


Gruppensprechertreffen


Einmal im Quartal findet ein Treffen der GruppenleiterInnen statt. Bei den vier Terminen im
Jahr 2011 (26.01., 04.05., 14.09., 16.11) gab es folgende Tagesordnungspunkte:
· erstmalige Wahl einer Selbsthilfevertretung
· Vorbereitung des Senioren- und Selbsthilfetages im Mai 2011
· Vorstellungsrubrik im Rathauskurier
· Rückmeldungen zur Krankenkassenförderung
· Fortbildungstage


Selbsthilfevertretung
Am 26.01.2011 wurde die Selbsthilfevertretung für zwei Jahre gewählt. Die Arbeit des ehrenamtlichen Gremiums bezieht sich auf alle SHG der Stadt, die in ihrer Selbständigkeit unangetastet bleiben. Die Selbsthilfevertretung trifft sich monatlich in der Kontaktstelle.


Gruppenbesuche
Aufgrund der begrenzten Zeitkapazitäten konnten kaum Gruppenbesuche stattfinden. Die Mitarbeiterin der Kontaktstelle besuchte eine SHG zweimal, da diese sich nach der Verabschiedung des Gruppenleiters und der daraus resultierenden Kontensperrung durch den Landesverband neu orientieren musste. Bei zwei Gruppenbesuchen war die Begleitung in der Gründungsphase Anlass. Eine Gruppe wurde zur Jubiläumsfeier zum 20jährigen Bestehen besucht.


Fortbildungen für Selbsthilfegruppen
· Konfliktseminar in drei Terminen zu je drei Stunden
· Vortrag und Austausch zur Hospizarbeit und Palliativversorgung
· Inhouse-Schulung zum Thema: „Von der Idee zum Projekt“
Die Fortbildungen konnten durchgeführt werden, da sich für alle Veranstaltungen genügend Interessenten gemeldet haben. Der Gastvortrag: „Nichts über mich ohne mich! -Patientenrechte kennen und wahrnehmen“ musste wegen langer Erkrankung der Referentin leider ersatzlos ausfallen. Die eigentlich geplante Supervisionsgruppe ist auf das Jahr 2012 verschoben. Die Gründe sind vor allem organisatorischer Art.


4. Öffentlichkeitsarbeit
Vorstellung der Weimarer Selbsthilfe
Zu vier Gelegenheiten wurde über die Arbeit der Selbsthilfegruppen und die Funktion der Selbsthilfekontaktstelle informiert und für den Selbsthilfegedanken geworben:
· im Behindertenbeirat der Stadt
· in der Kreisgruppe des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes
· im Fachbereich Wohnen des Lebenshilfewerkes
· im Seniorenbeirat der Stadt


Pressetexte
· Januar: zur Vorstellung der Kontaktstelle (TA, TLZ, Rathauskurier)
· März: zur Wahl der Selbsthilfevertretung (TLZ, Rathauskurier)
· März: Vorstellung Kontaktstelle (AA)
· seit März fortlaufende Rubrik: Selbsthilfe in Weimar im Rathauskurier
· Mai. Ankündigung u. Bericht über Selbsthilfetag (TA, TLZ, Rathauskurier)
· Juni: Aufruf BurnOut (TLZ)
· November: Aufruf Depressive Eltern (TLZ)


Internetpräsenz
Die Weimarer SHG und die Selbsthilfekontaktstelle sind seit Ende 2011 auf den Seiten der Stadt Weimar - Leben in Weimar - Soziales zu finden.

Selbsthilfetag
Zum zweiten Mal fand am 21. Mai 2011 Weimarer Senioren- und Selbsthilfetag im Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami statt. Bei der Veranstaltung präsentierten sich 39 Aussteller, davon 20 Selbsthilfegruppen. Es wurden rund 500 Besucher gezählt. Diese kamen zumeist sehr gezielt mit konkreten Fragen und Interessen. Geladen wurde auch zu zwei Fachvorträgen zur Hospiz- und Palliativarbeit sowie zur Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Beide Vorträge waren gut besucht und hätten im Nachgang mehr Freiraum für Fragen und gegenseitigen Austausch bieten sollen. Der Rückblick auf den Tag ergab, dass er für die Selbsthilfegruppen ohne spürbaren Effekt sei. Trotzdem werde die Öffentlichkeit geschätzt, die über die Veranstaltung möglich ist. Als besonders wichtig betonten alle Beteiligten die Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten, die sich unter den Ausstellern ergaben, insbesondere auch mit professionellen Anbietern. Zu überdenken ist der Titel der Veranstaltung, der vorschnell an einen Seniorenselbsthilfetag denken lässt und somit der Vielfalt der Weimarer Selbsthilfe nicht gerecht wird. Die Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld war nicht optimal.

Flyer
Zur Vorstellung der Selbsthilfekontaktstelle wurde in Zusammenarbeit mit einem Layouter ein Flyer entwickelt, der in einer Stückzahl von 2000 im Stadtgebiet verteilt wurde. Besonders die Beratungs- und Familienzentren, Mehrgenerationenhäuser sowie das Weimarer Klinikum waren interessiert. Über die Selbsthilfegruppen erfolgte zudem die Verteilung in den Weimarer Arztpraxen.

5. Interna
Personal: Diplom-Sozialarbeiterin/-pädagogin, 20 Wochenstunden
Qualitätssicherung: Mediatorin; Besuch von Fortbildungen, Tagungen; Supervision der Fachkraft geplant
Finanzierung: Personalkosten, Räumlichkeiten und Büroausstattung werden von der Stadt Weimar getragen. Eine Bezuschussung durch die Krankenkassen ist mit einer Fördersumme gegeben. Diese ermöglicht die Umsetzung von Fortbildungen, Öffentlichkeitsarbeit und anderen selbsthilferelevanten Vorhaben.