19.06.2015 | Meldung | Von: Stabsstelle Kommunikation und Protokoll

Die Weimarer Familien Benkowitz und Kogel – Opfer des SED-Staates vor 60 Jahren

Stadtarchiv Weimar (Foto: Stadt Weimar)

Am 29. Juni 1955 wurden in Dresden zwei Weimarer mit dem Fallbeil enthauptet. Der 32-jährige Lehrer und stellvertretende Schulleiter der Pestalozzischule Gerhard Benkowitz und der 30-jährige Sachbearbeiter für Statistik beim Rat der Stadt Weimar Hans-Dietrich Kogel waren Opfer eines Schauprozesses geworden. Ihre Verhaftung und die ihrer Ehefrauen Erika Benkowitz und Christa Kogel lag noch nicht einmal drei Monate zurück.

Noch heute erinnern sich ältere Weimarer an die damals verbreiteten Meldungen, Gerhard Benkowitz hätte u. a. die das Ilmtal überspannende „Sechs-Bogen-Brücke“ sprengen und dabei Hunderte von Menschenleben aufs Spiel setzen wollen. Doch dies stimmte nicht, er hatte keine praktischen Vorbereitungen hierzu getroffen. Der SED diente diese Behauptung zur Dämonisierung von Gegnern ihrer Politik und als Rechtfertigung der gefällten Urteile.
Der kommunistische Diktator Stalin war am 5. März 1953 gestorben. Doch politisch motivierte Schauprozesse gehörten in der DDR weiterhin zu den Instrumentarien der Disziplinierung Andersdenkender, vor allem aber zur Abschreckung jedweder staatskritischer Regung. Unter Missachtung der eigenen Gesetze standen die verhängten Urteile – meist hohe Gefängnisstrafen – bereits vor Prozessbeginn fest. Der Ablauf der Prozesse war in der Regel bis ins Detail öffentlichkeitswirksam geplant.
In dem aufwändig inszenierten Prozess vor dem Obersten Gericht der DDR, der am 21. Juni 1955 begann und bei dem auch drei weitere Männer aus anderen Städten auf der Anklagebank saßen, wurde Benkowitz und Kogel zur Last gelegt, in Weimar eine Ortsgruppe der von Westberlin aus operierenden „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) aufgebaut zu haben. Tatsächlich hatte Gerhard Benkowitz bereits 1949 Kontakt zu dieser gegen die SED-Herrschaft agierenden Organisation aufgenommen, weil er sich von ihr Unterstützung bei der Aufklärung des Schicksals seines 1945 von der sowjetischen Geheimpolizei verhafteten Vaters erhoffte. Obwohl sich diese Erwartungen nicht erfüllten, baute Benkowitz die Kontakte aus, berichtete nach Westberlin über die Stimmungslage, lieferte – überwiegend frei zugängliche – Informationen und fotografierte Bauwerke. Als die KgU, die ursprünglich auch Sabotageakte geplant hatte, um 1952 von ihrer militanten Linie Abstand nahm, verlagerte sich ihr Betätigungsfeld auf die Verbreitung von Aufklärungsmaterial. Auch Benkowitz hat heimlich politische Flugschriften in Weimar verteilt.
Der zunächst erhobene Tatverdacht, er sei an der praktischen Vorbereitung von Sabotageakten beteiligt gewesen, musste von der Anklage im Laufe des Prozesses fallen gelassen werden. Doch die vom Staat inszenierte Propagandakampagne lief bereits auf Hochtouren, und der Vorwurf blieb in den öffentlich verbreiteten Texten als angebliche Tatsache stehen.
Aus den überlieferten Akten geht hervor, dass die verhängten Urteile entgegen allen Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit bereits vor Beginn des Verfahrens an allerhöchster Stelle gefällt worden waren: Eine Kommission, der u. a. die Justizministerin Hilde Benjamin angehörte, erarbeitete Strafvorschläge für die Angeklagten, die dann Walter Ulbricht persönlich vorgelegt wurden. Mit dem für Gerhard Benkowitz vorgesehenen Todesurteil zeigte sich Ulbricht einverstanden, nicht aber mit der 15-jährigen Zuchthausstrafe für Hans-Dietrich Kogel. Der Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED legte für ihn ebenfalls die Todesstrafe fest. Das Papier mit Ulbrichts Unterschrift, ein Beleg für die Außerkraftsetzung des Prinzips unabhängiger Rechtsprechung, blieb erhalten.
Benkowitz und Kogel gehörten zu den insgesamt 161 Menschen, bei denen ein von der DDR-Justiz verhängtes Todesurteil vollstreckt wurde. Hinzu kommen 960 vollstreckte Todesurteile für deutsche Zivilisten, die noch nach Gründung der DDR von sowjetischen Militärtribunalen verhängt wurden. – Erika Benkowitz und Christa Kogel, die Ehefrauen der Hingerichteten, wurden vom Bezirksgericht Erfurt am 20. Juli 1955 zu je zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Kogels Kinder kamen zwangsweise in ein Kinderheim.

Die hier gezeigten Fotos wurden dankenswerter Weise von der am damaligen Hinrichtungsort befindlichen Gedenkstätte Münchner Platz (Dresden) zur Verfügung gestellt. Sollten Sie im Besitz von Fotografien von Christa und Hans-Dietrich Kogel oder Erika und Gerhard Benkowitz (evtl. als Lehrer mit Schülern?) sein, ist das Stadtarchiv Weimar für eine (auch leihweise) Überlassung sehr dankbar.
Ansprechpartner: Axel Stefek, Tel. 03643/762-540